Henriques & Henriques

Henriques & Henriques


Die Familie Henriques besaß bereits kurz nach Beginn der Besiedlung Madeiras in der Mitte des 15. Jahrhunderts viele Ländereien. Nach der Gründung der Weinfirma 1850 waren sie zunächst die einzige Madeiraweinfirma, die eigene Weinfelder besaß. Inzwischen hat sich das geändert: Seit den 1990er-Jahren verfügt auch die Madeira Wine Company (Blandy’s) über eigene Weinberge.


1850 gründete João Gonçalves Henriques die Weinfirma. Die Trauben bezog er von seinen eigenen Weinfeldern und verkaufte die Weine zunächst an andere Weinfirmen. João Gonçalves Henriques hatte drei Söhne: Francisco Eduardo, António Eduardo und João Joaquim, welcher João de Belém genannt wurde.


Zur Begründung, warum nur zwei der drei Söhne das Geschäft des Vaters übernahmen und António Eduardo leer ausging und schließlich eine eigene Weinfirma gründete, liefert Alex Liddell in seinem Buch „Madeira“ eine interessante Anekdote: João de Belém und sein Bruder António Eduardo hatten einen Pakt geschlossen; wer von ihnen beiden als Erster heiraten würde, musste auf das Erbe verzichten. António hatte Glück in der Liebe, ging dafür beim Erbe leer aus. Er gründete seine eigene Weinfirma unter seinem Namen. Nach seinem Tod verkaufte seine Witwe das Unternehmen an dessen jüngeren Bruder João de Belém. Heute produziert Henriques & Henriques auch unter der Marke António Eduardo Henriques.


1912 starb João Gonçalves Henriques, und seine Söhne João Joaquim und Francisco Eduardo übernahmen die Firma und benannten sie in Henriques & Henriques um. Nach einiger Zeit übernahm João de Belém die Firmenanteile seines Bruders Francisco Eduardo und bat zwei Freunde, mit in die Firma einzusteigen: Alberto Jardim und Carlos Nunes Pereira. 1938 trat Peter Cossart (Bruder von Noel Cossart, Inhaber von Cossart Gordon und Autor des Buches „Madeira. The Island Vineyard“) in die Firma ein.



1968 starb João de Belém; er vermachte nicht nur seine Firmenanteile seinen drei Partnern, sondern auch einige Ländereien und Gebäude. Peter Cossart starb 1991, nachdem er insgesamt 53 Jahre für Henriques & Henriques tätig gewesen war. Sein Sohn John Cossart übernahm von da an dessen Aufgaben. Carlos Nunes Pereiras Neffe Luís wurde nun offiziell der Winemaker, und Humberto Jardim wurde Produktionsleiter.


1993 kaufte H&H 10 ha Land in Quinta Grande (600 bis 800 m oberhalb von Câmara de Lobos) und pflanzte dort Verdelho an. Es war das erste Weinfeld Madeiras, das maschinell bearbeitet werden konnte, und es ist nach wie vor das größte Weinfeld der Insel. Auf einem weiteren Weinfeld (1,4 ha), das H&H in Ribeira da Caixa besitzt, werden Terrantez und Malvasia Cândida angebaut. 


Bis 1994 hatte H&H seinen Sitz in Funchal. Mit Unterstützung der EU wurde in Câmara de Lobos ein neues Gebäude errichtet. Hier sind auf mehreren Stockwerken Lagerräume für die Fassreifung, die Verwaltung, das Besucherzentrum und das Labor untergebracht. Zeitgleich wurde in Quinta Grande ein neues Weinbereitungszentrum (winery) erbaut.





 



John Cossarts plötzlicher Tod im Februar 2008 führte dazu, dass Teile von Henriques & Henriques an den französischen Spirituosenkonzern La Martiniquaise verkauft wurden, der bereits Vinhos Justinos besitzt. 2012 wurden weitere Anteile an La Martiniquaise verkauft, sodass diese heute Mehrheitsanteilseigner ist. Dr. Humberto Jardim blieb CEO und ist nach dem Ausscheiden von Luís Pereira als Winemaker tätig, nachdem er jahrzehntelang bei ihm gelernt hatte.


Der Verkauf an La Martiniquaise wird sicherlich Veränderungen mit sich bringen. Dr. Peter Reutter schreibt in seinem Madeira Wine Guide, dass beide Unternehmen, H&H und Vinhos Justinos, als separate Unternehmen bestehen bleiben sollen, dass jedoch Teile der Produktion von H&H zu Justinos nach Caniço verlegt werden sollen. Ferner sei angedacht, das jetzige Besucherzentrum von H&H in Câmara de Lobos nach Quinta Grande zu verlegen.



Die Weine
Die Bezeichnungen der Weine, die aus Tinta Negra hergestellt werden, sind bei H&H nicht wie üblich „dry“, „medium-dry“, „medium-sweet“ und „sweet“, sondern „dry“, „medium dry“, „medium rich“ und „full rich“.


Die 3-jährigen Weine
Bei den 3-jährigen Madeiraweinen von H&H handelt es sich um Verschnitte mehrerer Jahrgangsweine mit einem durchschnittlichen Alter von drei Jahren. Sie werden aus Tinta Negra gekeltert und sind dem Estufagem-Prozess unterzogen worden, bevor sie jahrelang in Eichenfässern ausgebaut wurden. Eine weitere Besonderheit bei H&H ist ein extra trockener 3-jähriger Wein: der Monte Seco (Special Dry). Vom Säuregehalt sind der Monte Seco und der Dry gleich, jedoch hat der Monte Seco mit 25 g/l fast halb so viel Gesamtzucker wie der 3 Year Old Dry.


Die 5-jährigen Weine
Wie alle Madeiraweine ohne Jahrgangsangabe sind die 5-jährigen Weine Verschnitte aus verschiedenen Jahrgangsweinen. Es gibt sie als dry, medium dry, medium rich und full rich; sie werden aus Tinta Negra gekeltert. Neben diesem Standardrepertoire gibt es seit wenigen Jahren auch einen 5-jährigen Verdelho. Die Trauben stammen aus Quinta Grande.


Die 10- und 15-jährigen Weine
Die 10- und 15-jährigen Weine werden aus den traditionellen Rebsorten Sercial, Verdelho, Bual und Malvasia gekeltert und im Canteiro-Verfahren ausgebaut. Im Vergleich zu anderen 10- und 15-jährigen Weinen anderer Produzenten ist die Säure weniger präsent – H&H setzt stärker auf eine
harmonische Reife und etwas weichere Säurestruktur.


Die 20-jährigen Weine
Henriques & Henriques haben drei 20-jährige Blends im Angebot:
20 Year Old Verdelho
20 Year Old Malvasia
20 Year Old Terrantez

Die Vintages

Vintages oder Frasqueiras sind – wie bereits an anderer Stelle erwähnt – Jahrgangsweine, die mindestens 20 Jahre im Canteiro-Verfahren ausgebaut wurden. Henriques & Henriques hatten nie besonders viele verschiedene Jahrgangsweine. Hier die2026 verfügbaren Vintage-Weine:


Boal 1997
Verdelho 1981
Boal 1980
Terrantez 1976
Sercial 1971
Sercial 1964
Boal 1957
Boal 1954
Malvasia 1954
Terrantez 1954
Verdelho 1934
Malvasia 1934 - leider ausverkauft

Verdelho 1932

Sercial 1928

Bastardo 1927


Die Soleras
Henriques & Henriques sind der einzige Produzent, der noch bzw. wieder Soleras verkauft. Das Solera-Prinzip ist dem des Sherry entliehen, das heißt, einem Jahrgangswein wird im Laufe der Reifung ein Teil – maximal 10% – entnommen und durch einen jüngeren Jahrgangswein gleicher Rebsorte ersetzt. Dieses Procedere darf im Laufe der Zeit insgesamt zehnmal (einmal pro Jahr) durchgeführt werden. Somit verbleiben vom Ausgangswein, dem Grundwein der Solera, mindestens 45% in diesem Blend. Die angegebene Jahreszahl auf der Flasche, zum Beispiel „Verdelho Solera 1898“, bezieht sich auf den Jahrgang des Grundweines. Wann wie viel des Grundweines abgezogen wurde, bleibt das Geheimnis des Weinproduzenten.


Zwischenzeitliches Verkaufsverbot von Soleras

Die Bezeichnung „Verdelho Solera 1898“ beispielsweise sei, so die EU und das IVM, irreführend, da sich in der Flasche eben nicht 100% Verdelho aus dem Jahr 1898 befinden. So kam es zu dem Verbot, Soleras mit einer Jahreszahl zu kennzeichnen. Die bis zur Einführung dieser Regelung bereits abgefüllten Flaschen durften weiter verkauft werden, aber alle Soleras, die nach Inkrafttreten dieser Regelung abgefüllt wurden, dürfen nur mit der Rebsorte und dem Begriff „Solera“ gekennzeichnet werden.


So wurden beispielsweise 2006 bei der Madeira Wine Company eine „Malmsey Solera“, eine „Boal Solera“ und eine „Verdelho Solera“ verkauft.


Henriques & Henriques hatten zu diesem Zeitpunkt noch den Century Malmsey 1900 als Solera abgefüllt, der auch mit der Jahreszahl des Grundweins weiter verkauft werden durfte. 2011 erschienen überraschenderweise bei Henriques & Henriques zwei weitere Soleras:


Verdelho Solera 1898
Founders Solera 1894


Auf die Nachfrage, wie es denn komme, dass Soleras neu abgefüllt und mit Jahreszahl verkauft werden dürften, wurde mitgeteilt, dass die EU-Regularien missverstanden worden seien und es eigentlich nie zu einem Verkaufsverbot hätte kommen müssen.


Zwei weitere Soleras werden noch ausgebaut:

Boal Solera 1907
Boal Solera 1898


Das Heavenly Quartett

Beim Heavenly Quartett handelt es sich um vier Weine, deren Alter nicht genau bekannt ist. João Joaquim Henriques hatte diese Weine bereits vor der Firmengründung 1850 geerbt, und sie galten damals schon als „alte Weine“:cephas+1


Grand Old Boal (1927 in Flaschen abgefüllt)
W. S. Boal (1927 in Flaschen abgefüllt)
Sercial Reserve (1965 in Flaschen abgefüllt)
Malvasia Reserva (1964 in Flaschen abgefüllt)


John Cossart ging davon aus, dass die Weine aus dem 18. Jahrhundert stammten. Als „Heavenly Quartett“ bilden sie innerhalb des Portfolios von Henriques & Henriques einen quasi legendären Gegenpol zu den klar datierten Vintages – Weine, die weniger über Jahrgangsangaben als über ihre und ihre fast unerreichbare Seltenheit definiert sind.


Alex Liddell war von diesen Weinen absolut begeistert:

„However, some twentieth-century vintages apart, a special glory of their offering, in my opinion, is a range of old bottled wines, which, although they have no specific vintage year, were reckoned to be old wines in 1850! They are very expensive, but are a textbook demonstration of the peaks which old Madeira can scale.“


Seit neun Jahren wird in einschlägigen Foren diskutiert, ob das Heavenly Quartett vielleicht doch ein Quintett, Sextett, Septett usw. sein könnte. Und ich muss gestehen, dass ich 2019 sehr überrascht war, als neben den vier oben genannten Weinen bei H&H in Câmara de Lobos ein fünfter sehr alter Wein stand: Henriques & Henriques Terrantez Velhíssimo. Von diesem Wein hatten H&H im April 2019 fünf Flaschen, die inzwischen verkauft wurden.


Am 3. Dezember 2021 tauchten bei Christie’s in London weitere sehr alte Weine aus dem Hause Henriques & Henriques auf:


  • Henriques & Henriques Moscatel Velhíssimo (2020 vom Kellermeister von H&H neu verkorkt)
  • Henriques & Henriques Reserva Ribeira Real, 2021 neu von H&H verkorkt. Dieser Verdelho, dessen Trauben von den Weinfeldern Ribeiro Real in Estreito de Câmara de Lobos stammen, wurde 1950 auf Flaschen gezogen.
  • Henriques & Henriques Verdelho 1909 (1968 auf Flaschen gezogen und 2021 neu von H&H verkorkt)
  • Henriques & Henriques Madeira Surdo Velho (ein süßer Madeira mit unbekanntem Alter, 2021 von H&H neu verkorkt)
  • Henriques & Henriques Vinho Velhíssimo Doce (ein ebenfalls süßer Wein mit unbekanntem Alter, der erstmals 1909 auf Flaschen gezogen wurde und 1927 und 1957 neu verkorkt wurde)
  • Henriques & Henriques Malvasia BS (eine Malvasia mit unbekanntem Alter, 1939 abgefüllt, 1957 und 2021 von H&H neu verkorkt)